{"id":427,"date":"2025-09-14T19:04:51","date_gmt":"2025-09-14T17:04:51","guid":{"rendered":"https:\/\/cornelius-spaeth.de\/?p=427"},"modified":"2025-09-14T19:04:51","modified_gmt":"2025-09-14T17:04:51","slug":"colorado-nun-richtig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cornelius-spaeth.de\/?p=427","title":{"rendered":"Colorado. Nun richtig."},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Colorado is kicking my ass&#8220;. Wohl keinen anderen Satz habe ich in den letzten knapp zwei Wochen \u00f6fters geh\u00f6rt. Alle uns Wanderer hat dieser Staat in den letzten Tagen vor gro\u00dfe Herausforderungen gestellt. An die H\u00f6he habe ich mich inzwischen weitgehend gew\u00f6hnt, das war in den ersten Tagen aber gar nicht so einfach, gerade bei den langen Aufstiegen bin ich doch schwer ins Atmen gekommen. Die eigentlich gro\u00dfe Herausforderung gerade in den letzten Tagen war aber vor allem das Wetter kombiniert mit dem Terrain. Der Weg l\u00e4uft hier viel oben auf Graten oder Bergr\u00fccken, oft \u00fcber lange Strecken von 10 km oder mehr, ohne Abstieg unter die Baumgrenze. Dazu hatten wir vor allem in den letzten Tagen oft schlechtes Wetter mit viel Regen, vor allem auch Hagel, und vielen Gewittern. Gewitter sind hier um diese Jahreszeit nicht un\u00fcblich, allerdings kommen sie normalerweise erst nachmittags und dauern nur kurz. Das war letzte Woche nicht der Fall, es war v\u00f6llig unberechenbar, was die ganze Strecke manchmal zu einem gro\u00dfen Gl\u00fccksspiel gemacht hat. Einmal bin ich auch 3 km und 500 H\u00f6henmeter einfach wieder zur\u00fcck abgestiegen, um nicht oben dem Gewitter ausgesetzt zu sein. Wie ich inzwischen gelernt hatte, ist es n\u00e4mlich sehr unangenehm, in offenem Gel\u00e4nde mitten im Gewitter zu sitzen. Auch jetzt mache ich gerade einen zus\u00e4tzlichen Tag Pause, um St\u00fcrme abzuwarten. Wenn dann aber mal die Sonne scheint, oder es zumindest soweit aufklart, dass man Ausblick hat, dann ist die Gegend hier wirklich beeindruckend. Oft sieht man dann Dutzende Kilometer \u00fcber die Bergwelt der Colorado Rockies (soehe Fotogallerie).<br \/>\nDa ich durch meinen Pausentag etwas Zeit habe, wollte ich, auch aus anderem Anlass, etwas \u00fcber die sogenannte Trail Culture schreiben. Wie ich ja schon hier und dort erw\u00e4hnt habe, treffe ich immer wieder andere Wanderer. Es d\u00fcrfte eine niedrige dreistellige Zahl vom Wanderern sein, die mehr oder weniger gemeinsam Richtung Mexiko l\u00e4uft. Es ist tats\u00e4chlich sehr faszinierend zu sehen, wen man wo trifft. Manche Wanderer sehe ich \u00fcber Wochen sehr regelm\u00e4\u00dfig, manchmal passiert es auch, dass ich jemanden treffe, den ich schon seit wortw\u00f6rtlich Monaten nicht mehr gesehen habe, wieder andere habe ich erst in der letzten Woche kennengelernt. Nichtsdestotrotz kennt man sich sozusagen, oft hat man auch schon zumindest mal die Namen geh\u00f6rt, es ist durchaus so, dass es hier eine Art Gemeinschafts- oder Gruppengef\u00fchl gibt zwischen den Wanderern. Das passiert nat\u00fcrlich jedes Jahr, und hat dazu gef\u00fchrt, dass es auf diesen gro\u00dfen Wanderwegen hier in den USA wie eine Art Subkultur gibt. Beispielsweise ist es hier \u00fcblich, sich nicht mit den eigentlichen Namen, sondern mit sogenannten trail-namen an zu reden, die man von anderen Wanderern bekommt. Die meisten basieren auf irgendeiner Episode oder Geschichte oder \u00e4hnliches, die auf dem Trail passiert sind, wobei der Gro\u00dfteil aller Wanderer ja schon mal einen \u00e4hnlich langen Weg gelaufen ist, und dadurch schon einen Trailnamen hat. Mein eigener trailname ist Yukon, wer mag m\u00f6ge &#8222;Cornelius Yukon&#8220; googeln. Ein anderer Teil der Trail culture ist sogenannte Trail magic. Meist bedeutet das in etwa, dass irgendwelche wildfremden Leute irgendetwas f\u00fcr uns Wanderer machen, teilweise geplant, manchmal auch v\u00f6llig zuf\u00e4llig. Beispielsweise gibt es manchmal an Stellen, wo es wenig Wasser gibt, Leute aus umliegenden D\u00f6rfern, die einfach eine K\u00fchltasche mit Wasser an den Weg stellen, manchmal sogar noch mit Keksen, S\u00fc\u00dfigkeiten oder \u00e4hnlichem. Was ich auch schon erlebt habe, als ich mit einer anderen Wandererin an einer Stra\u00dfe entlang gelaufen bin, hat jemand angehalten, und uns gefragt ob wir etwas von McDonald&#8217;s wollen. Er ist dann tats\u00e4chlich 20 km in die n\u00e4chste Stadt zur\u00fcckgefahren und hat uns etwas von McDonald&#8217;s gebracht. Solche Sachen passieren immer wieder, die Leute gerade in den l\u00e4ndlichen Gegenden hier sind wirklich hilfsbereit und freundlich.<br \/>\nGestern war ich in Leadville in Colorado, wo die CDT Coalition, das ist die Organisation, die diesen Weg hier organisiert und betreut, die sogenannten Traildays veranstaltet hat. Das ist ein eint\u00e4giges Event f\u00fcr alle sogenannten &#8222;Sobos&#8220;, so werden die Wanderer bezeichnet, die southbound, also s\u00fcdw\u00e4rts, laufen, es gab Vortr\u00e4ge, St\u00e4nde von Ausr\u00fcstungsherstellern, und diverse andere Workshops und \u00e4hnliches, vor allem aber war es eine M\u00f6glichkeit, f\u00fcr alle Wanderer, sich mal an einem Ort ohne Wamderstress zu treffen. Das war wirklich sch\u00f6n, auch wieder Leute zu sehen, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte, aber auch viele neue Leute kennenzulernen, die ich noch nicht getroffen hatte.<br \/>\nDie Wanderer hier auf dem Trail sind \u00e4u\u00dferst unterschiedlich, es ist wirklich faszinierend, wen man hier alles so trifft. Den Gro\u00dfteil der Wanderers sind nat\u00fcrlich US-Amerikaner, die zweitgr\u00f6\u00dfte Gruppe machen wir Deutschen aus, aber ich habe schon Wanderer aus Tschechien, Frankreich, D\u00e4nemark, Brasilien, Japan, China, Kanada, \u00d6sterreich, und der Schweiz getroffen. Ebenso divers ist es beruflich, es gibt Ingenieure, Lehrer, ITler, ich habe einen freiberuflichen Musikproduzenten getroffen, eine Kunstprofessorin, Krankenpfleger, Biologen, Entwicklungshelfer, Beamte, und eine gro\u00dfe Gruppe sind auch Saisonarbeiter, die im Winter einige Monate arbeiten, beispielsweise in der Gastro, und dann im Sommer 6 bis 8 Monate wandern gehen. Auch altersm\u00e4\u00dfig ist hier alles vertreten, der Gro\u00dfteil ist zwischen Anfang 20 und Ende 30, aber ich treffe auch nicht wenige Wanderer jenseits der 50 oder 60. Der \u00fcberwiegende Teil der der Wanderer ist grunds\u00e4tzlich allein unterwegs, einige wenige Paare laufen den Weg zusammen aber es ist nicht un\u00fcblich, dass sich Wanderer in kleineren, manchmal auch etwas gr\u00f6\u00dferen, Gruppen zusammenschlie\u00dfen. Das hei\u00dft nicht zwangsl\u00e4ufig, dass man den ganzen Tag zusammen l\u00e4uft, sondern eher, dass man gemeinsam Pausen macht, gemeinsam zeltet, und gemeinsam Zeit in den St\u00e4dten verbringt. Ich bin nach wie vor alleine unterwegs, laufe immer wieder mit anderen, beispielsweise bin ich kurz vor Wyoming vielleicht eine Woche lang mit einem Brasilianer zusammen unterwegs gewesen, in den letzten Tagen war ich oft mit einem Amerikaner zusammen, und diese Abwechslung gef\u00e4llt mir eigentlich gut. Es ist sehr angenehm und oft auch hilfreich, nicht alleine unterwegs zu sein, trotzdem gef\u00e4llt es mir auch immer wieder gut, eine Weile alleine zu sein, und eine grunds\u00e4tzliche Unabh\u00e4ngigkeit zu haben. Auf jeden Fall ist das soziale Element ein wichtiger Teil dieses Wegs und macht das Ganze durchaus noch einmal interessanter.<br \/>\nNun werde ich mich gleich auf den Weg machen, als n\u00e4chstes steht der sozusagen H\u00f6hepunkt des Weges an, Gray&#8217;s Peak mit 4350m. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Colorado is kicking my ass&#8220;. Wohl keinen anderen Satz habe ich in den letzten knapp zwei Wochen \u00f6fters geh\u00f6rt. Alle uns Wanderer hat dieser Staat in den letzten Tagen vor gro\u00dfe Herausforderungen gestellt. 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